"Die Steine reden"

Vortrag von Hans Werner Dannowski, Stadtsuperintendent am 6.Mai 1998 in der Ausstellung "Skulpturen von Wilfried Behre" Marktkirche Hannover

Was reden die Steine? Steine gehören nicht zu den Teilen der Natur, die Laute, die Geräusche von sich geben. Allenfalls, wenn der Wind darüber geht, hört man in der Brechung des Windes die Steine reden.

Aber vielleicht reden ja die Steine und wir hören es nicht? Ursprüngliche Kommunikationsverfeh-
lung wäre das, so wie wir vieles hören und es nicht wahrnehmen oder nicht verstehen. So hat die Sprache der Steine für die Künstler aller Generationen eine ungeheure Anziehungskraft gehabt, und es ist kein Wunder, dass Wilfried Behre in jahrelanger Bemühung Steine und nichts als Steine bearbeitet. Vielleicht ist ja auch die Sprache der Steine nichts als eine Projektion des Menschen - aber dies wäre ja schon aufregend und aufschlußgebend genug.

So lassen Sie mich heute vier Künstler mit Ihren Vorstellungen über die Sprache der Steine vor Ihnen explizieren - einer davon wird Wilfried Behre sein.

Vielleicht hören wir danach die Steine reden - oder sie bleiben stumm, ein einziges Rätsel, das uns bleibt.

1. Johann Wolfgang von Goethe
Mit meinem ersten Exempel greife ich gleich sehr hoch und weit. Es ist niemand anders als Johann Wolfgang von Goethe, den ich an den Anfang stellen möchte.

Sie wissen vermutlich alle, dass Goethe auch ein bedeutender Naturforscher nicht nur in der Farbenlehre war, und dass er fasziniert war von Steinen. Immer wieder ist er auf die Mineralogie zurückgekommen, Goethes geologische Schriften umfassen etwa 200 Abhandlungen. Sein Leitgedanke war, wie weit die Natur bei der Gesteinsbildung nach bestimmten Gestaltungsgesetzten verfahren ist. Er sah in dem Aufbau der Gebirge beispielsweise das erste Streben nach Formgebung in der Natur, das dann in der organischen Welt zu immer größeren Triumphen der Gestaltvollendung gelangte. Am 7. September 1780 schrieb er an seine engste Gesprächspartnerin, die Frau von Stein: "Wir möchten gar zu gern der großen formenden Hand nächste Spuren entdecken". Das ist so ungefähr das Programm im Forschen und Denken Johann Wolfgang von Goethes.
Goethe war dabei ein Vertreter der Richtung, die man in der Mineralogie einen Neptunisten nennt. Auf der Grundlage der Theorien des Geologen und Mineralogen Abraham Gottlob Werner aus Freiberg (1749-1817) sind dies Vertreter der Richtung, die behaupten, die Gesteinsbildung habe von einem flüssigen Urzustand ihren Ausgang genommen. Aus dieser Urflut habe sich durch chemische Vorgänge zuerst der Granit gebildet. Er sei daher die älteste und ursprünglichste Felsart, die "Grundfeste unserer Erde".
1784 schreibt Goethe einen Aufsatz über den Granit. Auf den will ich ein wenig näher eingehen, um Goethes Antwort auf die Sprache der Steine zu konkretisieren. Er beschreibt, wie er auf einem hohen nackten Felsen sitzt und die ganze Gegend überschaut. Er hört die Sprache der Steine, und die sagt: Hier ruhst du unmittelbar auf einem Grunde, der bis zu den tiefsten Orten der Erde reicht. Da ist nichts dazwischen, keine Trümmer einer Urlandschaft, nichts Angeschwemmtes, keine Erde. In der Betrachtung dieses Urgrundes, in dem Hören auf diese Stimme der Steine wird ein Gleichnis in mir rege: O einsam, sage ich zu mir selber, indem ich diesen ganzen nackten Gipfel hinabsehe und kaum in der Ferne ein kleines Moos wachsen sehe: so einsam, sage ich mir, wird es dem Menschen zumute, der nur den ältesten, ersten, tiefsten Gefühlen der Wahrheit seine Seele eröffnen will.
Lange hält er es nicht aus, der Betrachter, in dieser Einsamkeit. Bald weckt die brennende Sonne Durst und Hunger, bald drängt die Seele der vergangenen Jahrhunderte, bald drängt die Geschichte heran. Aber immer wieder auch bewegt sich die Seele zu der Einsamkeit der Anfänge zurück. Ich sehe den Felsen selbst an, dessen Gegenwart meine Seele erhebt und sicher macht. Ich sehe ihre Masse von verworrenen Rissen durchschnitten, auch hier ist alles nur Trümmer, Unordnung und Zerstörung. Aber ich dringe dann doch immer wieder hindurch in die Erhabenheit der Anfänge. Die Arbeit Goethes über den Granit bricht plötzlich ab, nämlich an der Frage, ob der Granit eine formlose Masse sei oder eine Gestaltungsregel erkennen lasse. Aber es ist wohl dann doch bedeutsam, dass selbst für Goethe die Sprache der Steine keine eindeutige Sprache war. Dass das ein Rätsel war und ein Rätsel blieb: der Impetus, etwas Wichtiges gehört und gespürt zu haben, ohne dass man es wirklich wohl benennen kann.

2. Ich springe nun zu zwei Künstlern der Gegenwart, die sich vor allem als Bildhauer verstanden haben, auch wenn sie vor allem Werke aus Bronze oder anderen Materialien geschaffen haben. Aber der Stein hat Sie umgetrieben, ob es nun der Marmor war oder ein anderer Stein, und verständlicherweise ist das Nachdenken und das Nachforschen über die Gesetze der Natur nahezu dasselbe, ob es einer ist, der mit ganzer Mühe und Kraftanstrengung eine Figur aus Stein haut oder einer, der sie in Bronze gießt, aber eben in seiner natürlichen Gestalthaftigkeit neu erfindet.
Als ersten der beiden modernen Künstler möchte ich mich mit Ewald Mataré beschäftigen. Mataré können Sie durchaus mit Gerhard Marcks vergleichen, was Marcks als protestantischer Künstler war, war Mataré als Katholik. 1887 ist er in Aachen geboren, und wenn Sie sich Kirchenportale von Mataré anschauen wollen, die unserem vergleichbar sind, dann sehen Sie sich die Türen an der Südseite des Kölner Doms an. Durch Tierplastiken ist Mataré in besonderer Weise berühmt und bekannt geworden: der liegende Stier oder der schlafende Stier ist eine große, feste Masse an Körperlichkeit, und ein Gehörn oder ein Ohr steht plötzlich deutlich und klar heraus.
Aber ich will hier heute keine Werkanalyse von Mataré betreiben, sondern ihn und sein Werk befragen, wie er die Steine reden hört. Da sagt Mataré, er habe ein starkes Verhältnis zu Goethe gehabt. In einer bestimmten Weise Kräfte und Elemente der Natur zu entdecken, das sei ihm entscheidend wichtig gewesen. In bestimmten Bereichen der Natur eine Harmonie wiederzufinden, einen Klang zu hören, der in einer Harmonie beginnt und endet, das sei auch für ihn endscheidend gewesen. Eine Harmonie wahrzunehmen und zu hören, das bedeutet auch, vom Detail zum Ganzen zu gehen und aus dem Detail ein Ganzes zu postulieren. In der Natur, so meint es Mataré zu hören, gibt es keine Zufälligkeiten, keine Willkür. In der Natur gibt es eine tiefe Gesetzmäßigkeit. Natur ist ein Kosmos, und ein Kosmos ist eine geordnete, eine beziehungsgesättigte Welt. Die Geometrie wird für Mataré wichtig, die die wahrgenommene Erscheinung der Grundzeichen ist, die aus der Sprache der Natur an uns dringen.
Das hat für das künstlerische Schaffen eine klare und eindeutige Konsequenz. Es kann nicht darum gehen, einem Material, also einem Stein, eine bestimmte Idee aufzupfropfen, diese Idee einem Ideenträger aufzuzwingen. Mataré entwickelt an diesem Punkt den Gedanken des Dialogs mit dem Material, also etwa mit dem Stein. Er sagt: Wenn Sie als Bildhauer lernen, Dinge hervorzubringen, die sich aus sich selbst heraus erklären können, dann sind Sie auf einem guten Weg. Er meint damit, die Arbeiten eines Bildhauers müssten, wie ein einfaches Handwerksgerät in seinem Formzusammenhang, ohne lange Erklärung aus sich selbst begreifbar sein. Aus dem Dialog mit dem Material wird etwas freigelegt, was sich in der Betrachtung selbst erschließt und selbst erklärt. Was Sie aus der Sprache der Steine hören können, ist nach Mataré dieses: da ist eine geheime und verborgene Ordnung in der Natur, die die Kunst aufdeckt und sichtbar macht und die wir in unmittelbarer Evidenz begreifen. Wer Plastiken von Mataré kennt, wird dieses verstehen können. Steine reden, und sie reden nicht von der unendlichen Einsamkeit, sondern von der Zusammengehörigkeit aller mit allem.

3. Als zweiten Künstler der Moderne möchte ich einen Künstler wählen, der noch weiter in die Subjektivität der eigenen Gestaltung hineingeht, als dies Mataré tut. Ich meine Hans Arp. 1886 ist Arp in Straßburg geboren, 1966 - lange in Paris lebend - dort gestorben. Wenn man seine Plastiken kennt, etwa die, über die ich im Sprengel Museum Hannover 1983 einen Fernsehgottesdienst gehalten habe, "Menschlich, mondhaft, geisterhaft", so ist man leicht der Meinung, dass hier ein Künstler seinem Material aus Stein und Bronze wie auch immer seine Idee aufdrückt. Aber weit gefehlt. 1955 schreibt Hans Arp einen Aufsatz über das, was er "Konkrete Kunst" nennt, und konkrete Kunst das ist seine Kunst. Das ist allerdings richtig: Hans Arp hört nicht die Steine reden, in totaler Unmittelbarkeit, und seine Kunst ist keine Nachbildung der Natur. Er beginnt auch diesen Aufsatz mit dem programmatischen Satz: "Wir wollen nicht die Natur nachahmen". Nein Kunst im Sinn von Hans Arp kann nicht die Nachbildung der Natur sein. Aber sie ist nun auch kein Vorgang, der Natur direkt entgegengesetzt, der ihr sozusagen aufgezwungen wird. In der Sprache von Hans Arp lautet das so: "Wir wollen nicht abbilden, wir wollen bilden. Wir wollen bilden wie die Pflanze ihre Frucht bildet, und nicht abbilden. Wir wollen unmittelbar und nicht mittelbar bilden". Das ist natürlich sehr unpräzise und sehr metaphorisch gesagt. Aber das heißt doch: Arp will keine einfache Abbildung der Natur - wozu braucht man das denn auch noch. Arp will eine eigenständige künstlerische Gestaltung, die aber die schöpferischen Impulse der Natur aufgreift und weiterbildet. Deshalb auch seine Idee: diese Bildhauerarbeiten, diese Dinge sollen in der großen Werkstatt der Natur sozusagen sein wie die Wolken, die Berge, die Meere, die Tiere, die Menschen. Auch die Menschen sollten sich in die Natur einfügen. Und die Künstler sollten in der Gemeinschaft arbeiten wie die Künstler des Mittelalters. Der Künstler steht in seiner Arbeit vor einem großen, vor einem göttlichen Problem. Aber dies ist nun kein Problem der Ordnung mehr, es ist nach Arp ein Problem des Zufalls. Das Problem des "Zu-Falls" formt den menschlichen Geist. Und so arbeitet Hans Arp an seinen Plastiken: geduldig, oft jahrelang, bis ihm etwas zufällt. Bis er die Steine reden hört, und die Steine sagen ihm solche Titel an, und das ist keine immerwährende Ordnung einer sich gleichbleibenden Natur: "Schwarzer Wolkenpfeil und weiße Punkte" - "Pflanzenwappen" - "Arabische Nacht - Blätter nach dem Gesetz des Zufalls geordnet". Hier ereignet sich im Dialog zwischen Mensch und Natur eine neue Ebene der Kategorien: eine Ebene des Menschlichen, die auf ihre Zugehörigkeit zu Stein und Materie nicht verzichtet, aber aus ihr Anregungen bezieht, die sie in analoger Schöpferkraft verarbeitet. Der Künstler wird zu einer neuen Creator Mundi aus dem Stoff des Weltalls. Die Steine reden: was sie sagen, muss noch erfunden werden.

4. Steine reden - ob wir die Sprache der Steine verstehen? Ein faszinierendes Kapitel ist das, den Zusammenhang alles Geschaffenen zu begreifen versuchen und dem nachzugehen, was ja auch geschaffen gewordene Materie ist, und sein Geheimnis zu erlauschen. So kann ich es gut verstehen, dass Wilfried Behre sein Leben daran setzt, die Sprache der Steine zu verstehen und in dem, was er gestaltet, ihr eigenes Wesen deutlicher zum Reden zu bringen. Was höre ich heraus, das will ich nun als letztes fragen, was sagen mir die Skulpturen in der Bearbeitung, wie sie Wilfried Behre uns hier in der Marktkirche präsentiert.

Drei Dinge meine ich zu hören. Das erste: Die Skulpturen reden zu mir von der Kraft der anderen Naturgewalten. Ein Prozeß von Millionen von Jahren ist das ja, in dem die Steine geworden sind. Und das ist kein in sich kohärenter, von allem anderen unabhängiger Prozeß gewesen. Die anderen Naturgewalten haben mit daran gearbeitet. Das Wasser hat an den Steinen gewaschen, vielleicht sind sie ja sogar durch die Kraft des Wassers das geworden, was sie sind. Die alte, uralte Frage: was ist eigentlich stärker, dichter: das Wasser oder der Stein. Das Bewegliche oder das Unbewegliche. Der Wind hat an den Steinen gearbeitet, und wenn der Orkan tobt und die Blitze zucken, dann lösen sich vielleicht sogar die Wände aus den Felsen. Die Sonne bringt chemische Prozesse hervor, ich bin naturwissenschaftlich eine Null, ein Chemiker wüsste hier Präzises auszusagen. Und mir scheint, dass Wilfried Behre in seinen Skulpturen die Kraft und die Präsenz der anderen Naturgewalten sichtbar macht. Da gibt es Skulpturen, die sehen aus, als habe der Wind die Wüste aufgeraut: eine Wüstenlandschaft von kleinen Hügeln und Tälern, die der Wind sich schafft. Da gibt es Ausbuchtungen in den Skulpturen, in denen sich das Wasser sammeln und aus denen die Vögel trinken können. Wasser, Wind, vielleicht auch Feuer, Sonne, Regen: die alten Urkräfte der Natur, die Heraklit und die anderen frühen griechischen Philosophen besingen, kommen hier ans Licht. Ein philosopischer Diskurs zwischen diesen frühen Philosophen und der Steinlandschaft von Wilfried Behre wäre interessant. Ich habe hier heute nicht die Zeit dazu.

Das zweite, schon in dem ersten angedeutet: der Gegensatz von hart und weich spielt in der Materie und also auch in den Skulpturen von Wilfried Behre eine große Rolle. "Hart wie ein Stein", sagen wir wohl, und das ist ja auch so recht. Das Steinigen ist eine der frühesten und wirksamsten Todesstrafen. Die frühen Geschütze schleuderten Steine. Wenn ich auf einen Stein falle, ist die Wunde da. Der Stein scheint das Härteste zu sein, was es gibt. Aber das Harte provoziert geradezu die Vision des Gegenteils. Das Harte kann so einladend weich erscheinen. Und so gestaltet Wilfried Behre - aus dem harten Stein - die Weichheit der einladenden Gesten. Skulpturen gibt es, die wie Sitzkissen aussehen: gemütlich, sanft und weich. Die Skulptur lädt ein zum Verweilen. Man wird es schon spüren, wenn man sich draufsetzt, dass der Stein nicht nachgibt, dass die Weichheit eine Täuschung unserer Augen ist. Aber ein Stein ist auch zum Verweilen, zum Nachdenken, zum Sitzen und Schauen, und die weiche Seite des Steins lädt dazu ein.

Das dritte Element, das mir an den Skulpturen von Wilfried Behre aufgefallen ist und wo ich meine, dieSkulpturen reden zu hören. Das sind die Abbrüche, die Verwerfungen. Der Bildhauer scheint es gerade darauf angelegt zu haben, die Verwerfungen im Stein, die ja ein Teil des Lebens sind, sichtbar zu machen. Da ist die eine Seite blank und glatt und schön, und da ist die andere Seite rau und körnig, wie im Rohzustand. Selten gibt es das Einheitliche, Ganze. Ja, das gibt es auch, das ist die heimliche Vision, die von Vollendung träumt. Aber das Normale, das ist der Gegensatz der Dinge. Das Normale ist die Erfahrung der totalen Ambivalenz, des Guten und Schlechten, Schönen und Hässlichen, des Rauen und des Sanften. Und hier höre ich die Skulpturen sam deutlichsten auch von meinem Leben reden. Ja, so ist das, und ich werde es aushalten müssen, und ich werde in den Ambivalenzen, in den Gegensätzen meiner täglichen Erfahrungen mein Leben suchen und finden und zu gestalten suchen, in der Kraft, die mir gerade auch der Aufblick zu dem gibt, der diese ganze Welt mit Steinen und Pflanzen und Tieren und Menschen, diesen ganzen Kosmos geschaffen hat.

Steine reden. Eine metaphorische Ausdrucksweise ist das natürlich. Stumm und sprachlos liegen sie da, über Millionen von Jahren hinweg als Zeugen des Gewordenseins und einer uralten Geschichte. Da bringt sie ein Bildhauer zum Reden, meißelt hier und meißelt da, fügt sein Leben und unser Leben hinein in den Stein und schafft die Korrespondenzen in der einen Schöpfung, in der alles mit allem doch zusammengehört. Ein Hören durch das Sehen vermittelt ist das ja, und so mögen Sie durch die Skulpturen wandeln, sehen und hören, und ein wenig von der Sprache der Unendlichkeit vernehmen. Steine wird es noch geben, wenn alles Leben auf dieser Erde verloschen ist. Aber noch sind wir da, ganz da, und hauchen den Steinen Leben ein mit unserem Hören, Sehen und Sein.

Hans Werner Dannowski, Stadtsuperintendent



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